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Samstag, 9. November 2013

[29] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Ewenen-Frauen in Nationaltracht
Anfang 20. Jahrhundert

Nachdem er nach seiner Sitte aufgestanden und gegrüsst hatte, erzählte er auf unsere Frage, warum er weine, Folgendes:

>> Als ich gestern im Walde ging, fand ich an einer Stelle viele Spuren, von wilden Rennthieren. Mich ausserordentlich über diesen Fund freuend, kehrt ich augenblicklich zu meiner  Familie zurück.  Nachdem ich hier mein Gewehr und meine Sachen in die gehörige Ordnung gebracht und selbst ausgeruht hatte, kam ich vergangene Nacht gegen Mitternacht, als eben die Oberfläche des am Tage weich gewordenen Schnees gefroren war, meinen Hund führend und meine Schneeschuhe anhabend, zu den von mir gesehen Rennthierspuren.

Nachdem ich hier zwei Stunden auf den Anbruch des Tages gewartet  und den Taback geraucht hatte, liess ich, sobald bei der Morgendämmerung die Rennthierspuren sich zeigte, meinen Hund los. Ich selbst lief auf Schneeschuhen hinter meinem Hunde her.

Montag, 4. November 2013

Sonntagsgeschichte von Tatjana Kuschtewskaja



Jakutien
Aus dem Ukrainischen

..... Die Zivilisation hatte ihnen Motorboote und Motorsägen gebracht, Syphilis und Wodka, die Ideologien des Betrügens und der Heuchelei. Ihre Glaubensgrundlage aber war die alte geblieben: die Verehrung der heiligen Steine, der Glaube an Geister, die Beschwörungsrituale, die Tradition des Geschichtenerzählens und ihre Auffassung von Ethik .....

..... Ich lauschte, Jakutien ging gleichsam in mich ein und schmiegte sich an mein Herz. Damals hat sich in mir etwas für mein ganzes Leben entschieden. Obwohl ich seine Sprache nicht verstand, begann ich die Worte, die wie Kinderklappern rasselten, und in denen Erlittenes mitklang, zu erkennen ..... 

..... Ich habe den Kampf des Schamanen mit den Geistern miterlebt, die verlangten, die Wöchnerin selbst sollte das Opfer sein. Und als es ihm gelang, ihnen dieses Opfer zu entreißen, verlangten sie von ihm, er solle ihnen einen anderen Menschen als Opfer anbieten. Ich habe gesehen, wie es ihm schließlich gelang, den Geistern ihre Macht zu nehmen ..... 

weiterLesen:  PDF || Sacha-Jakutien WebSite

  Literatur von und über Tatjana Kutschewskaja

Mittwoch, 30. Oktober 2013

[27] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Wie Jakuten im Winter reisen und auf Jagd gehen
Nachdem wir auf diese Reise gereist waren, hatten wir vom frühen Morgen bis zum Abend mit genauer Noth einen Kös zurückgelegt. Mit dieser Art zu reisen kamen wir über das, 10 Kös sich zu erstreckende Schneehindernis erst nach einer Reise von 10 Tagen hinüber.

An allen diesen Tagen bestiegen wir höchst selten unsere Pferde in Folge der heftigen Bewegungen, die das Pferd in dem, mit einer harten Rinde bedeckten Schnee macht, hält man sich mit Mühe im Sattel fest; dieses verursacht Einem unerträgliche Müdigkeit. Aus diesem Grunde legten wir meisentheils unsere Schneeschuhe an und gingen zu Fuss, um die Wahrheit zu sagen, uns im Schweisse badend.

Die beiden Ufer des Fluss Utschur sind senkrechte Felsen. Am Fusse dieser Felsen pflegt ein sich hier und da findender schmaler Saum mit einem hohen, bröckligen, schwarzen Absturz in Verbindung zu stehen. Auf diesen schwarzen Absturz kann ein bepacktes Pferd unmöglich hinaufkommen.

Sonntag, 20. Oktober 2013

[25] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Es war Februar, dessen ungeachtet hatte die Kälte noch nicht im Geringsten nachgelassen. Die Kälte überstieg, nach dem Dinge, womit die Russen die Kälte messen, die Zahl dreissig, als ich aus der Stadt Jakutsk mit dem zwei mir beigegebenen Kosaken aufbrach.

Bis Amga, das 20 Kös entfernt ist, gelangte ich auf von Pferden gezogenen Schlitten. In Amga luden wir unser zurechtgemachtes Gepäck auf sieben bereit stehende Pferde, bestiegen selbst drei Pferde und machten uns mit zwei Führern auf den Weg.

Die Pferde waren alle fett, vor Fett waren dieselben übermüthig und warfen in einem fort die Last ab. Aus diesem Grunde und um nicht dieselben vom ersten Tage an zu erhitzen, machten wir, nachdem wir nur drei Kös Weges zurückgelegt hatten, an einem Ort, wo wir zu übernachten gedachten, Halt.

Hier nahmen die Führer vor Allem den Pferden die Last vollständig ab: hierauf schaufelten sie, bis sie auf Erde stiessen, den Schnee fort und suchten trockenes Holz zusammen. Sobald sie Feuer angemacht hatten, stopften sie Schnee und en Theekessel und in einen grossen Kessel und brachten Wasser zum Kochen.


Dienstag, 15. Oktober 2013

The Ornaments of the Yakuts

[22] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Irkutsk 1736

Dann kamen aber auch die Jakuten in Jakutsk, indem sie von den Händen schwacher Beamter gehalten wurden, von Jahr zu Jahr immer mehr von ihren früheren Verhältnissen zurück. Dieses alles zusammengenommen ändert meine Gedanken an jenem Orte zu leben.

Während der Umstände, die ich erzähle, liebte mich der dort wohnende Gouverneur wie seinen eigenen Sohn. Ich verwaltete seine Kanzelei: weit entfernt demnach, mich in eine andere Stadt ziehen zu lassen, pflegte er mich nicht einmal auf eine Stunde von sich lassen. Er starb zu Jakutsk.

Sobald er gestorben war, ging ich nach Irkutsk, nachdem ich zuvor mein Haus und meine Habe verkauft und die von früherer Zeit angelaufenen Schulden abgetragen hatte.

Hier wurde ich in der Kanzelei des Gouverneurs angestellt und brachte anderthalb Jahre in Ruhe hin, indem ich 80 Rubel im Monat Gehalt erhielt und ausser dem leichten Schreiberdienst keine andere Sorgen hatte.


Montag, 14. Oktober 2013

[21] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Am frühen herbstlichen Tage, bei Anbruch der Morgendämmerung, kam der Geistliche; meine Mutter beichtete ihre Sünden, empfing das Abendmahl und nahm Abschied von allen Personen, die auf den Ruf sich versammelt hatten. Hierauf umarmte sie mich. Meine Schulter bemerkte die Kälte des Athems der Sterbenden; nach einem Augenblick sagten alle schauenden dastehenden Personen mit einer Stimme: >> Sie ist gestorben << Meine Mutter war plötzlich nicht mehr.

In der Art und Weise, wie sie lag, war auch nicht ein Ausdruck eines sterbenden Menschen: auf ihrem Gesichte hatte sich kein Zug verändert, ihr Tod unterschied sich nicht vom leisen Schlummer eines ermüdeten Menschen. Auf diese Weise hatte sie von gegen vierzig zusammengekommenen Mensch keinen Erwachsenen, kein Kind erschreckt.

Diese Leute betrachteten, ohne sich im Geringsten zu fürchten, ihre Physiognomie, die ein Lächeln der Freude angenommen hatte, gleich als wenn die Mutter sich freute über den Anblick eines in der Lichtregion der Welt des hohen Gottes bereiteten Sitzes, wenn die Seele eines sündelosen Menschen heraustritt aus dem, der Krankheit und dem Tode unterworfenen, Körper. Dies war die Art und Weise ihres Todes!

Gute Mutter! Du hast unter dieser Sonne keinen Tag ohne Noth gesehen, du hast kein glückliches Leben gelebt: dein Glück bestand einzig und allein in guten Werken. Für diese deine Werke wirst du glücklich sein in der Lichtregion jener hohen Welt, wohin der schaffende Gott den sündenlosen Menschen, der er auserwählt, zu endlosen Freuden hinsetzt.

Während deiner Lebenszeit habe ich deinen Willen nicht übertreten, auch erinnere ich mich nicht, dass ich dein gutes Herz erzürnt hatte. Du erscheinst beständig in meinen Träumen, und in diesen meinen Träumen zerstreust du meine Trauergedanken und richtest mich, wenn dein Kraft hinreicht, zu den Füssen des hellen Sitzes des hohen schaffenden Gottes!

Mit meiner Mutter begrub ich Alles, was mich auf dieser Erde erfreute. Da ich weder Bruder noch Schwester habe und ich unverheirathet bin, so ist von eben dem Tage bis zum heutigen Niemand da, der mich bedauerte an meinen dunklen Tage, der sich freute an meinen hellen Tagen: ich bin allen Menschen ein Fremdling, an jedem Ort, wohin ich komme, erscheine ich als Gast.

Danach war in Jakutsk nichts mehr übrig geblieben, was mich erfreut hätte; das ganze Land, alle Dinge, die mir früher schön erschienen, wurden mir später einzig und allein zum grössten Überdruss.


Quelle Text: -Otto Böhtling und Jakutien, Hartmann Kästner, Seite 16 -  Leipziger Universitätsverlag

Sonntag, 13. Oktober 2013

[20] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Die Seen dieser Gegen waren im Laufe des Sommers mit verschiedenen Arten von Enten angefüllt, die in der Nähe befindlichen Gehölze und Wälder mit Hasen, Birk-, Hasel- und Rebhühner. Im Frühjahr, beim Fortschwimmen des Eises, und im Herbst, wenn alle diese Vögel, nachdem sie ihre Jungen zum Fluge gebracht, in die warmen Länder heimgeflogen, ging man vor dem Geschrei der Gänse, Enten, Schwäne, Kraniche, Storche und kleiner Vögel mit verschiedenen Namen seines Schlafes verlustig.

Ich habe von meinem 11-ten oder 12-ten Jahre an so viele Vögel getödtet, wie sehr wenige Menschen werden getödtet haben. Da ich Lust am Schiessen hatte, erschien mir einen noch so entfernte Gegend nahe; drei ganze Tage ohne zu schlafen auf der Jagd zuzubringen hielt ich für keine Anstrengung; von Müdigkeit wusste ich nie etwas.

Im Herbst schlief ich, auf das Weichen der nächtlichen Finsternis wartend, auf feuchtem Boden, einen Baumstamm mit unter den Kopf legend, ohne Decke und ohne Bettzeug in Kleidern ohne Fell, während Schnee und Regen von Wind begleitet über mich fielen; oder ich fing Fische, indem ich die ganze Nacht auf dem Sande, wo die Netzte ausgeworfen werden, in kalten Wasser watete. Dass ich mich auf dies Weise von Kindheit auf an Anstrengungen gewöhnt, ist mir in der Folge von Nutzen gewesen.

So lebten wir; da aber in der Folge die Nothwendigkeit eintrat, in der Stadt zu wohnen, so liess meine Mutter das Haus, das wir in Killäm bewohnten, aus einander nehmen, es in die Stadt überführen und es hier auf einen guten Platz hinzustellen, den sie sich ausgewählt hatte. Bis diese Arbeit zu Stande kam, setzte ich meinen Unterricht fort.

In meinem 16-ten Jahre trat ich in den Schreiberdienst des Kaisers in der Oberbehörde von Jakutsk. Hier stand über uns ein Herr mit Namen N.N. Dieser Herr der von geringer Herkunft war und sich auf das Schreiben nach der damaligen Art und Weise nur so obenhin verstand, galt für unentbehrlich. Indem er sich in diesem Glücke befand, schlug er die Mühe eines Menschen zu keinem Kopeken ein.

[19] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

The ornaments of the Yakuts

The ornaments of the Yakuts

Auf diese Weise erlernte auch ich Ihre Geschicklichkeiten vollkommen: weder in Geschwindigkeit noch in Gewandtheit stand ich irgend einem Jakutischem Helden nach. Ich war bekannt für mein Schiessen sowohl aus dem jakutischem Bogen als aus der Flinte; man lobte die Art und Weise, wie ich ein wildes Pferd bestieg und über das weite Feld wie der Wind dahin flog; an gewissen Zeichen an Pferde erkannte ich, ohne mich zu irren, seine Kraft, seine Geschwindigkeit, seine Raschheit und seinen Muth; kaum hatte ich ein Rind angesehen, so kannte ich, ohne es zu befühlen, seine Vorzüglichkeiten oder seine Untauglichkeit.

Weil ich  auf all derartige geringfügige Umstände Acht gab, liebten mich nicht nur die Männer, sondern auch alle Jakutischen alten Mütterchen, junge Frauen und Kinder auf eine unglaubliche Weise.

Nachdem ich auf diese Weise die Jakuten mich zu lieben veranlasst und zu ihrem Vertrauen gelangt war, war es mir unmöglich ihrer Denkungsart entgegen zu handeln, wenn ich auch zu dieser Handlungsweise geschickt und geneigt gewesen wäre.

Quelle Text: -Otto Böhtling und Jakutien, Hartmann Kästner, Seite 16 -  Leipziger Universitätsverlag

Donnerstag, 10. Oktober 2013

[18] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Jakute || ca. 1906

Es nahte gerade die Zeit, wo ich Kleiner in die Lehre gegeben werden musste; um zu diesem Endzwecke in der Stadt zu wohnen, fehlte uns dort ein Haus. Alles dieses zusammengenommen betrübte meine Mutter ausserordentlich. Dessen ungeachtet liess nicht ab vom Wege des Handelns. Unterdessen rechnet es mir nicht als Schuld an, wenn ich einige Worte über sie sage.

Meine Mutter konnte nicht lesen und schreiben, von Verstand war sie aber klug; die Vorzüglichkeit ihres Gedächtnissen war ohne Gleichen: sie erinnerte sich Alles von ihrem vierten Lebensalter an; was irgend sie von dieser Zeit an bis zur Vollendung ihres 70-sten Jahres gehört, hat sie niemals vergessen; ohne nachzudenken sagte sie, auf welchen Tag jeder Feiertag fiele; sie erzählte, ohne zu irren, welcher Gouverneur vor 100 Jahren, und wie viele Jahre er gelebt hatte; wenn sie nur eben nachgedacht hatte, sagte sie fehlerlos das Resultat einer Addition oder Division einer noch so grossen Geldzahl.

Sonntag, 6. Oktober 2013

[17] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Alles dies zusammengenommen erschien meinen Augen unaussprechlich schön und unendlich ausgedehnt zu sein; wie es sich mein Kindergehirn vorher nicht hatte vorstellen können. Es schien mir nur diese Gegend unter der Sonne maasslos ausgedehnt zu sein; bei diesem Gedanken konnte meine grosse Freude nicht mit Worten ausgedrückt werden.

Kaum waren wir in diese Gegend gekommen, so traf ein Unglück unser Haus: mein Vater, der bis zu seinem 72-sten Jahre niemals krank gewesen war, fiel eines Tages nach dem Mittagessen besinnungslos auf die Wandbank und übergab hierauf, ehe noch eine Stunde verflossen war, Gott seinen Geist.

Das Weinen und Trauern meiner Mutter über dieses unerwartete Unglück war ohne Maass. Dies konnte nicht anders sein, da sie ihres Alten verlustig ging, mit dem sie über 40 Jahre im besten Einverständnis gelebt hatte.

Nachdem meine Mutter meinen Vater begraben hatte, sah sie um sich herum nur beengte Verhältnisse.

Es waren acht- bis neunhundert Rubel Schulden nachgeblieben; damals galt dies für eine grosse Summe.

Nachdem man neun Jahre in Shigansk gelebt hatte, fand man von dem in Killäm zurückgebliebene Vieh nur eine sehr geringe Anzahl vor; alles übrige war durch fremde Hände auf verschiedenen Weise verloren gegangen.


Das Killämsche Haus war bis zur Verwüstung ausgeleert worden.

Quelle Text: -Otto Böhtling und Jakutien, Hartmann Kästner, Seite 13 -  Leipziger Universitätsverlag

Freitag, 4. Oktober 2013

[16] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Hiernach ermesset selbst, wie gross meine Verwunderung war, als ich die, Killäm genannte Gegend betreten hatte. Vor meinen Augen eröffnete sich eine mehr als ein Kös breite und mehrere Kös lange Wiese, über der die Luft mit grünlichem Schein zitterte, und die so eben wie eine Wasserfläche war.

Die allermannigfallligsten Blume ohne Zahl hatte das Ansehen, als wenn man ein grünes oder gelbes Gewebe ausgebreitet hätte.

Hier und da standen dichte Lärchen – oder Birkenwäldchen, als wenn man sie mit Künstlerhand hingesetzt hatte. Mitten durch die Wiese strich, dem reinen Sande eines mit schwarzen jähen Ufern besetzten breiten Flusses entlang, ein reines stark fliessendes Wasser hin. Die gegenüber liegende Seite dieses Flusses war mit dichtem nahrhaften Mähgras bewachsen.

Auf diesen Plätzen blitzten die grasmähenden Sensen von Hunderten von Menschen von den Strahlen der Sonne wie Silber.

Auf der weiten Fläche der Wiesen weideten zahllose Pferde und Rinder, sich vor nichts fürchtend und nach Lust umherwandelnd.

Die auf dieser Wieder immer zu zehn oder fünf stehenden, mit Lehm übertünchten Jakutenhäuser oder glänzend weissen, grossen, kegelförmigen Sommerjurten nahmen sich wie gemalt aus. Die Fenster der Jurten, aus Marienglas oder aus Glas, blitzten durch die Sonnenstrahlen aus der Ferne wie Edelsteine. Am Ende, auf einer bedeutenden Erhöhung dieses Feldes, erhob sich unser Haus wie ein hoher Hügel.


Quelle Text: -Otto Böhtling und Jakutien, Hartmann Kästner, Seite 11 -  Leipziger Universitätsverlag

Donnerstag, 3. Oktober 2013

[15] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

In der Mitte des verflossenen Jahrhunderts lebte in Shigansk eine Russin, mit Namen Agrippina. Meine Grossmutter kannte sie von Gesicht.

Diese Frau galt für eine grosse Zauberin: derjenigen, den sie liebte, galt für glücklich; derjenigen dem sie zürnte, hielt sich für überaus unglücklich. Ein Wort, das sie sprach, wurde so angehört, als wenn es aus der Welt Gottes gesprochen würde.

Nachdem sie auf diese Weise das Zutrauen der Menschen gewonnen hatte, baute sie sich in ihrem Alter, in einer Entfernung von 4 Kös oberhalb Shigansk, zwischen Felsen ein Häuschen und wohnte daselbst. Niemand pflegte vorüberzugehen, ohne bei ihr anzusprechen, ohne ihren Segen zu empfangen und ohne ihr irgendetwas zum Geschenk zu bringen. Diejenigen Leute, die vorbeigingen, ohne es zu thun, brachte sie, indem sie sich in einen schwarzen Raben verwandelte, sie mit einem heftigen Wirbelwinde erreichte und ihnen verschiedene Sachen in’s Wasser fallen liess, in grosses Elend, beraubte sie des Verstandes und machte sie verrückt.

Auch nach ihrem Tode bis jetzt geht man an diesem Orte nicht vorüber, ohne ein Geschenk aufzuhängen. Diese alte Frau kennen ausser den Bewohnern von Shigansk auch alle Jakuten der Umgegend von Jakutsk. Von einer recht verrückten sagt man, dass die Agrippina von Shigansk sie ergriffen habe.


Mittwoch, 2. Oktober 2013

[14] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Die Bewohner von Shigansk sind Tungusen, an Zahl bis 500 Menschen. Diese Leute gehen der Jagd nach, indem sie auf einem Umkreise von mehr als 200 Kös das Schneemeer durchwaten. Was die Namen ihrer Jagd anbetrifft, so sind es: das wilde Rennthier, der Schwarzfuchs, der Zobel, der Fuchs mit dunkelfarbiger Kehle, der Rothfuchs, der Eisfuchs, das Eichhörnchen, das Hermelin, der schwarze Bär, der weisse Bär (Eisbär) und das theure Thierhorn, aus dem Kamme gemacht werden Mammuthszähne).

Ein Land, es sei welches es wolle, pflegt nicht alles Schönes zu entbehren: während der zwei Sommermonate ungefähr geht die Sonne nicht unter; ein Mensch, der nicht daran gewöhnt ist, findet nicht die Zeit, da er sich schlafen legen konnte.

Die ganze Gegend von Shigansk hat seines Gleichen nicht, was Flussfischer anbetrifft, sowohl in Bezug auf Menge als auch auf Vorzüglichkeit: Salmo Nelma, Weissfleisch, Stör, Sterlet, Tschir, Muksun, Omul, Salmo Lavaretus und andere kleine Fische mit mannigfachen Namen werden in unzählbarer Menge gefangen.

Diese schöne Fische gehen scheinbar ohne Nutzen verloren und zwar aus zwei Umständen: aus Mangel an Salz, und, dann, weil sich das Volk so daran gewöhnt hat. Der Tunguse gräbt an der Stelle, wo er den Fisch fängt, eine ungefähr einen Faden tiefe Grube. Die Wände dieser Grube bedeckt er mit Rinde, auf dem Boden breitet er gleichfalls Rinde aus. Nachdem er die Eingeweide und die Knochen entfernt hat, legt er die von ihm gefangenen Fisch gedrängt voll in diese Grube.



Dienstag, 1. Oktober 2013

[13] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Denselben Sommer, ich erinnere mich nicht nach Verlauf wie vieler Monate, holten von Jakutsk gekommene Soldaten und Kosaken die Räuber in einer Entfernung von 70 Kös von Shigansk ein. Diese Ergaben sich nicht in Gute, sondern schlugen sich herum; in Folge dessen tödteten die Soldaten die grössere Hölfte derselben, die am Leben gebliebenen brachten sie nach Jakutsk.

Von dem geraubten Gute kam nur sehr weniges zum Vorschein: das Uebrige hatten sie verfaulen lassen und auf diese und jene Weise verschleudert.

Die Gegend von Shigansk entbehrt für den Blick des Menschen jeglicher Schönheit und Mannigfaltigkeit. Die Physiognomie und der Charakter des Landes dieser Art: eine zwischen zwei Bergen befindliche Enge, rundherum dichtes Gehölz, in dem die Schnauze eines Hundes nicht Raum findet; sobald du ungefähr zehn Schritte in dieses Gehölz machst, wirst du an die Kniee in kothigem weichen Grunde versinken. Von Beeren finden sich nur Preiselbeeren, schwarze Ratuschbeeren (Empetrum), rothe Johannesbeere, Steinbeeren und Hagebutten.

Die Zeit, da der Winter wüthet, wahrt acht Monate; in diesen acht Monaten fällt die warme Kleidung nicht von den Schultern des Menschen. Zwei Monate vertheilen sich auf Frühling und Herbst, für den armen Sommer bleiben vom runden Jahr mit genauer Noth nur zwei Monate nach.

Der Schnee fällt mehr als haushoch; der Wind bläst so, dass er Einem nicht gestattet auf den Füssen zu stehen; die Kälte verschliesst Einem den Athem, die Sonne zeigt sich während der zwei Wintermonate ungefährt niemals dem Auge des Menschen. Dies ist Alles. Um die Wahrheit unverhohlen zu sagen: wenn man es meinem Willen anheim gestellt hätte, würde ich für nichts Shigansk gewählt haben, um es zu meinem Geburtsort zu machen.

Quelle Text: -Otto Böhtling und Jakutien, Hartmann Kästner, Seite 7 -  Leipziger Universitätsverlag

[12] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Jakutsk - 17. Jahrhundert



Ich erinnere mich wie eines gestrigen Ereignisses, wie diese thierähnlichen, furchtbaren Leute ohne Nasenlöcher und mit blauen Mahlen auf den Gesichtern (1), eben zu der Zeit, als ihr zorniges schwarzes Blut vor Feuer kochte, und das Blut von der von ihnen getödteten Menschen dampfte, meinen Vater und meine Mutter umstanden, in einem Augenblick aus ihrem Schrecken erregenden Wesen in die Art und Weise gutgesinnter Menschen übergingen und aus dem Innern Ihres Herzens ihren Dank dafür abstatteten, dass jene aus Gute hülfreich waren gegen arme Leute.

Dieses Ereignis hatte nicht seines gleichen im Lande der Jakuten.

Ich erinnere mich, als wenn es gestern geschehen wäre, wie ihr Anführer, seiner Nation nach ein Georgier, ein Mann von überaus grosser Statur, der sich allerlei Waffen angehängt hatte und mit einer rothen, längs der Naht mit Silber besetzten Hose angethan war, mich auf seinem Schoosse hielt und, während er mich beständig mit Süssigkeiten bewirtete, selbst weinend dasass. Es hatte den Anschein, als wenn er sich irgendeiner Vergangenheit erinnerte.

Mein Vater und meine Mutter konnten von ihrer Seite an diesem Tag, der unerwartetes Unglück gebracht hatte, nicht anders als von Dank erfüllt sein: wenn der schwarze Gedanke des Raubes in die Köpfe dieser Leute gekommen wäre, dann wäre die gänzliche Zugrunderichtung jener offenbar gewesen.

Hierauf wurden die Räuber mit einem Frühstück satt gespeist, worauf sie um die Mittagszeit, ihre reiche Beute mit sich nehmend, auf der Lena fortschifften.

Es ist unmöglich, die damalige Trauer und das damalige Weinen aller Familien der Stadt, deren über dreissig waren, zu schildern. Als sie erst am Abend aus dem Wald, in den sie sich geflüchtet hatten, zurückkehrten, fanden sie ihre Häuser rein ausgeleert, um es mit einem Wort zu sagen, von unten zu oberst gekehrt.


(1) Es waren gebrandmarkte Verbrecher
(2) Quelle Bild: Internet

Quelle Text: -Otto Böhtling und Jakutien, Hartmann Kästner, Seite 6 -  Leipziger Universitätsverlag

Montag, 30. September 2013

[11] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Glück und Unglück gehen in einer
Reihe mit dem Menschen.

Sprichwort


Korn und Mehr, wenn es gemahlen wird.

Sprichwort


Am linken Ufer des berühmten grossen Flusses (der Lena), 100 Kös von der Stadt Jakutsk, nahe am Eismeer, war eine Stadt mit Namen Shigansk. Es ist schon lange her, dass sie aufgehoben wurde. In dieser Stadt war mein Vater Kreishauptmann; diese Stadt meine Geburtsort.

Nach Aufhebung dieser Stadt kehrte mein Vater nach Jakutsk zurück: ich war damals vier oder fünf Jahre alt. In diesem Alter erinnert sich das Kind Weniges, dessen ungeachtet ist in meinem Gedächtnis geblieben, wie mein Vater acht bis neun Monate im Jahr auf fernen Reisen zubrachte, ein hübsches Theil Mühen auf seine Schultern nehmend; wie ich mit meiner Mutter weinte, mich langweilend und ihn nicht erwartend könnend, wie ich zweimal gestorben wäre: einmal, als ich längs eines Baumes über einen Fluss ging und in’s Wasser fiel; das andere Mal, als ich im Hause eines Jakuten in einen Kessel fiel, in dem Futter für die Hunde kochte.

Endlich dieses (ist mir im Gedächtniss geblieben). Als sich eines Tages im Sommer früh am Morgen aufgestanden war, erschrak ich mich zu Tode vor einem furchtbaren Räuber von wildem Aussehen, der im Hause am Eingang, ein geladenes Gewehr haltend, stand. Später erfuhr ich, dass er als Wache hingestellt worden war, damit nicht seine Gefährten aus Versehen unser Gut raubten.

Er war der Gefährte von 14 bis 15 entlaufenen Spitzbuben, Sie alle waren aus dem Orte in Ochotsk wo das Salz gekocht wird, entlaufen, hatten unterwegs das Gepäck von vielen Kaufleuten geraubt, sich längs des Aldan in die Lena hinabgelassen und waren so zu Schiff nach Shigansk gekommen. Als sie hier in der Nacht angelangend, die Soldaten und Kosaken schlafend antrafen, banden sie deren Hände und Füsse, machten sie darauf so betrunken, dass sie der Besinnung beraubten, streckten sie ins Arresthaus und schlossen sie dort ein. Sie selbst theilten sich in mehreren Partien und raubten die Güter der ganzen Stadt.

Denselben Tag, ungefähr zu der Zeit, wann die Tagesmelkung der Kühe (zwischen 9 und 10) vor sich geht, versammelten sie sich alle, nachdem sie den Raub vollb
racht hatten, in unserem Haus.

Quelle: Text -Otto Böhtling und Jakutien, Hartmann Kästner, Seite 5 -  Leipziger Universitätsverlag
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  Über die Sprache der Jakuten
  Sacha-Jakutien  

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Donnerstag, 26. September 2013

[10] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien


Quelle: Text und Bild - Otto Böhtling und Jakutien, Hartmann Kästner, Seite 4 -  Leipziger Universitätsverlag

Dazu müssen noch die von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Generation zu Generation gehen mündlichen Überlieferungen gefügt werden: wer war ihr Urahne? Wodurch getrieben, fanden sie das über alle Maassen entfernte Land?

Haben sie von Alters her keine Schrift gekannt, oder haben sie ihre Schrift gekannt, oder haben sie ihre Schrift in der Folge eingebüsst? Aus diesen mündlichen Überlieferungen wurde man manches Alterthümliche, das nützlich und glaubwürdig wäre, ziehen können. Alles dieses bleibt jetzt ungesagt bis zu der Zeit, da die Jakuten aus Deiner Anfangslehre in der Sprache, die sie reden, werden zu schreiben gelernt haben, oder da ein verständiger Russe, in freien und glücklichen Lebensverhältnissen, eine solche Mühe wird auf sich nehmen.

Samstag, 4. Mai 2013

Erinnerungen - A.J. Uwarowskij [9]



Gnädiger Herr  Otto Nikolajewisch!

Aus Verlangen, die Sprachen verschieden benannter Völker kennen zu lernen, kamst Du im vergangenen März in meine Wohnung, und erzähltest mir von Deinem Vorhaben, die ganze von den Jakuten gesprochene Sprache in Schrift zu setzten. Du batst mich, Dir bei dieser Arbeit behülflich zu sein.
 
Das Land der Jakuten ist mein Geburtsland, die Sprache der Jakuten meine Muttersprache: hätte ich demnach nein sagen und Dir bei Deiner schönen und nützlichen Arbeit nicht behülflich sein sollen?
 
Der siebente Monat wird eben voll seit dem Tage, da du den Anfang mit der Jakutische Sprache machtest; in wenigen Monaten geht Deine Arbeit zu Ende. Dein Verstand und der Umstand, dass Du im Verlauf von wenigen Monaten den Grund und die Kraft der jakutischen Sprache erkanntest, ist ein bewunderswerther und guter Bürge dafür, dass die Mühen, mit denen Du Dich abgemüht hast, zu grossen Nutzen gereichen werden.
 
Die Jakutische Sprache gilt aus Mangel an Schrift für eine todte Sprache; es bleibt nur eine kurze Zeit, so wirst Du sie beleben. In kurzem wirst Du das Lob sowohl hochstehender als auch gelehrter Leute erlangen und den endlosen Dank des Jakutischen Volkes empfangen. Die jetzige Generation der Jakuten wird in vollem Maasse aus Deiner Schöpfung Nutzen ziehen, Deinen Namen erhöhen und mit aufrichtigem Herzen für Dich ihre Kniee beugen vor dem hohen göttlichen Erschaffer. Dies wird ihre Bezahlung, dies Dein Lohn sein,
 
Im Verlauf dieser unserer Beschäftigung wünschtest Du aus einer Jakutisch geschriebenen Schrift die ‚Art und Weise meiner Entstehung, meiner Geburt und meines Ganges kennen zu lernen. In Folge Deiner Freundlichkeit war es nicht möglich auch in diesem Punkte Deinem Wunsch nicht nach Kräften zu erfüllen. Das mit diesem Gedanken von mir beschrieben Leben, das ich >> Erinnerungen << benenne, übergebe ich Dir mit diesem Briefe.
 

Sonntag, 28. April 2013

Erinnerungen - A.J. Uwarowskij [8]

1990 übersetzte der bekannte Türkologe, Professor W.I. Rassadin >> Uwarowskij’s Erinnerungen << in die russische Sprache. Diese Übersetzung wurde im Werk von Böhtlingk >> Über die Sprache der Jakuten << in Novosibirsk herausgegeben. 1996 haben J.I. Wasilijew und Fatich Kirschitschuorlu das Oloncho >> Är-Sogotoch << in die türkische Sprache übersetzt. Ihre Übersetzung wurde im Buch >> Beispiele der jakutischen Folklore << in Ankara veröffentlicht.

Afanassij Uwarowskij hat einen grossen Beitrag in die Entwicklung der jakutischen Schriftsprache, Literatur, Erforschung der Folklore der Jakuten geleistet. Enge Beziehungen mit den russischen Gelehrten und mit O.N. Böhtlingk halfen ihm bei seiner Arbeit. Seine Dankbarkeit an Böhtlingk beschriebe er mit den Worten:

>> In kurzem wirst Du das Lob sowohl hochstehender als auch gelehrter Leute erlangen und den endlosen Dank des Jakutischen Volkes empfangen. Die jetzige Generation der Jakuten wird in vollem Masse aus Deiner Schöpfung Nutzen ziehen, Deinen Namen erhöhen und mit aufrichtigem Herzen für Dich ihre Kniee beugen vor dem hohen göttlichen Erschaffer. Dies wird ihre Bezahlung, dies Dein Lohn sein<<.