Donnerstag, 10. Oktober 2013

[18] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Jakute || ca. 1906

Es nahte gerade die Zeit, wo ich Kleiner in die Lehre gegeben werden musste; um zu diesem Endzwecke in der Stadt zu wohnen, fehlte uns dort ein Haus. Alles dieses zusammengenommen betrübte meine Mutter ausserordentlich. Dessen ungeachtet liess nicht ab vom Wege des Handelns. Unterdessen rechnet es mir nicht als Schuld an, wenn ich einige Worte über sie sage.

Meine Mutter konnte nicht lesen und schreiben, von Verstand war sie aber klug; die Vorzüglichkeit ihres Gedächtnissen war ohne Gleichen: sie erinnerte sich Alles von ihrem vierten Lebensalter an; was irgend sie von dieser Zeit an bis zur Vollendung ihres 70-sten Jahres gehört, hat sie niemals vergessen; ohne nachzudenken sagte sie, auf welchen Tag jeder Feiertag fiele; sie erzählte, ohne zu irren, welcher Gouverneur vor 100 Jahren, und wie viele Jahre er gelebt hatte; wenn sie nur eben nachgedacht hatte, sagte sie fehlerlos das Resultat einer Addition oder Division einer noch so grossen Geldzahl.

Auf diese Weise kamen Leute, die irgend einen Umstand aus alten früheren Zeiten vergessen hatten, zu ihr und schlichteten ihren Streit. Sie kannte des Volkes Sagen, Märchen, Lieder Rätsel, Alles; weibliche Näharbeiten der Kleider, die die Herren aus der alten Zeit trugen, entgingen ihrer Hand und ihrer Kunst nicht.

Sie war sehr gottesfürchtig; bis zu ihrem Todestage hat sie kein unwahres Wort gesprochen; auch nicht ein hungriger Mensch trat aus ihrem Haus ohne sich gesättigt zu haben; da sie gegen arme Leute hülfreich war, pflegte in ihrem Hause ein Stück Geldes (100 Rubel) niemals zehn Tage hindurch ganz zu bleiben; zur Zeit, wo die grossen Festtage des Jahres kommen, bleib von ihren mit Speisen angefüllten Vorrathskammern nur die Hälfte übrig.

Demzufolge galt sie für eine gutherzige Frau von reiner Wahrheitsliebe. Wer ihr geborgt hatte, schämte sich der Schuld zu erwähnen; wer sie durch irgend ein gutes Werk oder durch einen Dienst erfreut hatte, sah sich an dem Tag für beglückt an.

Dieser Tod meines Vaters verursachte mir gleichfalls Sorgen. Ich meine mit diesen Worten nicht allein die Trähnen des Kindes, die sogar das Herz eines Grossen mit Blut übergiesst. Von eben diesem Tage begann jene unglücksvolle Kette, die sich bis zu meinem jetzigen Lebensalter ununterbrochen , jeden Tag und jedes Jahr zunehmend, hinzog.

Niemand stirbt mit dem Gestorbenen, der Lebende denkt an den Lebenden. Nachdem meine Mutter die Gedanken der ersten Trauer verscheucht hatte, brachte sie zuerst das Haus in Ordnung, hierauf vermehrte sie während der fünf Jahre, die wir in Killäm wohnten, gehörig den Viehstand.

Dieses Leben, das wir in Killäm führten, entbehrte der Freude. Die damalige Kälte erlaubte einem nicht hinauszugehen auf das frei gelegenen, wüsste Land: während fünf Monaten gingen wir nirgends hin. Mich unterrichtete der Grossvater im Lesen und Schreiben, am Abend las ich der Mutter die heilige Schrift vor oder sie richtete meinen Sinn zur Liebe zu Gott, zur Verehrung des Kaisers, zur Pflege der Armen, zum Mitleid, zur Nichtkränkung der Menschen , mit einem Wort, zu jener guten Handlungsweise, die uns die heilige Schrift als Gesetz vorschreibt.

In Folge meiner unvergleichlichen Liebe zur Mutter und in Folge meines angeborenen Charakters hörte ich die von ihr gesprochenen Worte, ohne eines davon ausser Acht zu lassen.

Indem wir auf diese Weise lebten, wurden wir mit vielen Jakuten bekannt. Diese Jakuten liebten mich wie ihr Kind, und auch ich liebte sie von Herzen. Indem ich sie auf diese Weise liebte, erlernte ich vollkommen ihre Sprache, machte mich mit ihrer Art und Weise zu leben und mit ihrer Denkungsart vollkommen vertraut, hörte überaus gern ihre Märchen, Lieder Rätsel und alten Sagen, ging mit Lust auf ihre Feste, Hochzeitsschmäuse und Volksversammlungen und nahm Theil an den Spielen, die sie im Sommer feierten.

Quelle Text: -Otto Böhtling und Jakutien, Hartmann Kästner, Seite 14 -  Leipziger Universitätsverlag

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  Über die Sprache der Jakuten
  Sacha-Jakutien  

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