Samstag, 9. November 2013

[29] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Ewenen-Frauen in Nationaltracht
Anfang 20. Jahrhundert

Nachdem er nach seiner Sitte aufgestanden und gegrüsst hatte, erzählte er auf unsere Frage, warum er weine, Folgendes:

>> Als ich gestern im Walde ging, fand ich an einer Stelle viele Spuren, von wilden Rennthieren. Mich ausserordentlich über diesen Fund freuend, kehrt ich augenblicklich zu meiner  Familie zurück.  Nachdem ich hier mein Gewehr und meine Sachen in die gehörige Ordnung gebracht und selbst ausgeruht hatte, kam ich vergangene Nacht gegen Mitternacht, als eben die Oberfläche des am Tage weich gewordenen Schnees gefroren war, meinen Hund führend und meine Schneeschuhe anhabend, zu den von mir gesehen Rennthierspuren.

Nachdem ich hier zwei Stunden auf den Anbruch des Tages gewartet  und den Taback geraucht hatte, liess ich, sobald bei der Morgendämmerung die Rennthierspuren sich zeigte, meinen Hund los. Ich selbst lief auf Schneeschuhen hinter meinem Hunde her.

Ich legte eine Strecke von mehr als einen Kös zurück, indem ich von Felsen zu Felsen, von Fluss zu Fluss mich herabliess. Auf dem frisch gefrorenen Schnee begann Blut von den Füssen der Rennthiere sich zu zeigen, der müde Lauf der Rennthiere war bemerklich, die Sätze meines Hundes wurden seltener, endlich wurde das Gebell meines Hundes vernommen: es war offenbar, dass ich die Rennthiere erreichen wurde.

Plötzlich erklang die Stimme meines Hundes wie die  Stimme eines Sterbenden. Ich erschrak, als wenn mein Herz entzwei gesprungen wäre. Ich verdoppelte meinen Lauf, in der Entfernung von ungefähr zwei Flintenschüssen erblickte ich zwei blutige, kleine, schwarze Stücke liegen.

In dem Augenblick , als mein Hund eine grosse Rennthierherde erreicht, dieselbe in einen reinen Bach getrieben hatte und, um sie herumlaufend, damit beschäftigt gewesen war, sie nicht fortzulassen, waren zwei heisshungrige Wölfe vom Abhang des Berges gestürzt, hatten meinen Hund am Kopf und an der Ruthe ergriffen und ihn mit einem Male entzwei gerissen.

Die Rennthiere hatten sich alle hierhin und dorthin zerstreut. Es war der siebente Schnee meines Hundes. Als halbjähriger Welp ging er schon den Fang und hat während sechs Jahren mich keinen hungrigen Tag sehen lassen.

Ein Elenn, ein wildes Rennthier, ein Zobel, so wie viele andere Thier entgingen meiner Tödtung nicht, sobald nur ihre Spur sich gezeigt hatte.

Man wollte ihn für fünf Reit-Rennthier von mir erstehen. Ich gab ihn sogar für zehn nicht fort. Mit ihm war ich reich, jetzt bin ich der ärmste Mensch. Ich weiss nicht, wie ich mich meiner Familie zeigen soll: Frau und Kinder erwarten ihn, um ihn zu küssen; jetzt wird ihr Weinen mein Herz mit einem stumpfen Messer sägen. <<

Es stand nicht in meiner Macht, diesem Tungusen mit irgend Etwas zu Hülfe zukommen; nachdem ich ihn demnach mit den Worten, dass das Vergangene nicht wiederkehre, das Ausgeflossene sich nicht wieder fülle, und die Hoffnung auf Gott fester als irgend Etwas sei, aufgerichtet hatte, brach ich weiter auf.

Als wir uns vom Ägnä, entfernten, mussten wir einen hohen, beschwerlichen Berg ersteigen und wiederum zum Utschur hinabgehen.

 Quelle Text: Otto Böhtling und Jakutien, Hartmann Kästner, Seite 28 -  Leipziger Universitätsverlag
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  O.N. Böhtlingk     A.Th.v.Middendorff
  Über die Sprache der Jakuten
  Sacha-Jakutien  

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