Samstag, 11. Januar 2014

[33] Erinnerungen - A.J. Uwarowskij || Otto Böhtlingk und Jakutien

Jakutien - Yakutia by ░S░i░l░a░n░d░i░
Jakutien - Yakutia, a photo by ░S░i░l░a░n░d░i░ on Flickr. ||  Lena river

Von diesem Punkte erscheinen alle Berge, die das menschliche Auge übersieht, und die zuerst sehr hoch erscheinen, als ganz unbedeutende niedrige Hügel. Die von beiden Seiten dieses Dschugdschur entspringende und herababfliessende zahllose breiten Flüsse erscheinen wie dünne blitzende Silberfäden.

Wenn die Wolken an einem regnerischen Tage sich neigend, dem Nebel gleich dahinfliegen, streifen sie an diesen hohen Dschugdschur und reissen aus einander. Diese aus einander gerissenen Wolken liegen auf der Spitze des Berges und schwanken wie ein dicker, mit Mehl gemischter Brei aus Fichtenrinde, der sich ergossen hat.

Das Auge eines, auf der äussersten scharfen Kante dieses sich and den Wolken reibenden Gebirges stehenden Menschen bemerkt, wie ein Thau- oder Regengtropfen auf die Schneide eines mit seiner scharfen Kante nach oben stehenden Steines fällt, sich nach beiden Seiten hin theilt, hinabfällt und kaum bemerkbar sich hinunterzieht.

Hierbei geht einem der Gedanke auf, wie die eine Hälfte dieses Tropfens, bei ihrem Fall nach Osten, sich mit den nachfolgenden Tropfen vereinigend, einem Haare gleich in gerader Linie sich fortbewegend, zu einem rieselnden Bache wird; alsdann allmählich zunehmend und allmählich sich mit anderen Bächen vereinigend aus einem rieselnden Bache zu einem rauschenden Flusse, sehr bald zu einem grossen Srome wird und in das nie gefrorene endlose Meer fällt. Hier wird sie in Ewigkeit bewegt, mischt sich mit dem Wasser verschiedenen benannter Meere und hilft allen auf dem Erdboden wohnenden Menschen mit den verschiedensten Namen, die alle in der Sprache, die sie reden, die von ihnen verehrten Götter preisen, das Meer zu befahren.

Die andere Hälfte des von mir erwähnten Tropfens dagegen nimmt ihre Richtung nach Westen auf dieselbe Weise, auf welche jene Hälfte gefallen ist, und vermehrt kaum das Wasser des bekannten grossen Flusses (der Lena).Längs diesem Strome gelangt sie zum Eismeer. Hier wird sie in Eis verwandelt und trägt dazu bei, dass kein menschliche Denken und keine menschliche Kraft dieses Eismeer zu überschiffen vermag.

Einige Jahrhunderte werden vergehen, diese Tropfenhälfte, die jetzt, von keinem Sonnenstrahl getroffen, daliegen, werden irgendwann nach langem Warten das Jahrhundert erreichen, wo das Eismeer schmelzen und ein Weg über dasselbe hinweggehen wird; es werden neue, früher nicht gekannte Völker entdeckt werden und diese werden mit den nachkommenden Geschlechtern der jetzigen von uns gekannten Völker verwandt werden.


 Quelle Text: Otto Böhtling und Jakutien, Hartmann Kästner, Seite 33 -  Leipziger Universitätsverlag
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  O.N. Böhtlingk     A.Th.v.Middendorff
  Über die Sprache der Jakuten
  Sacha-Jakutien  

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